Diskuto:Hanns Cibulka

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( Berechtigte Manuskript-Fassung )


„Schreiben heißt : sprechen mit dem Menschen ...“

- Persönliche Notizen zum Ableben des Schriftstellers Hanns Cibulka -




Zwei Jahre nach dem Untergang der k. u. k. Monarchie, 1920, ist Hanns Cibulka im sudetenländischen Jägerndorf (heute: Krnov, unweit des Altvater-Gebirges, auf die Welt gekommen. Es war am 20. September, am vorletzten Sommertag.

Seine Kindheit und Jugendzeit wurde geprägt von der heimatlichen Industriestadt, die durch ihre feinen Stoffe, wie Hanns Cibulka einmal sagte, bis nach Italien und England bekannt war.

Aber auch zwei - damals bekannte - Schriftsteller, der Lehrer Erwin Ott und vor allen Dingen Dr. Robert Hohlbaum, der spätere Direktor der Landesbibliothek in Weimar, stammten aus Jägerndorf. Wobei sich Dr. Hohlbaum – nach eigenen Angaben - mehr in das beschauliche Freiwaldau gezogen fühlte, aber "Jägerndorfer" ist er schließlich von Geburt gewesen.

Der junge Cibulka erlernte den Kaufmanns-Beruf. Doch der Weltkrieg von 1939 bis 1945 hat alles verändert. So wurde er bald Soldat. In diese Zeit fällt sein erstes Nietzsche- und später dann sein Wilhelm-Heinse-Erlebnis. Eigene lyrische Versuche, waren schon vorhanden und er legte sie als 24jähriger Soldat dem Schriftsteller Robert Hohlbaum vor, als dieser von Weimar nach Jägerndorf gereist war.

Hanns Cibulka gehörte damals zu den "grünen Baretts", jenen Männern einer Division, die entweder im Ostfeldzug oder an der italienischen Südfront (von kanadischen Elite-Kämpfern) aufgerieben wurden. Er hatte Glück im Unglück und überlebte das Inferno in Süd-Italien - dafür zeichnete sich bald eine neue Trägodie ab: der Verlust seiner sudetendeutschen Heimat. Erlebnisse, die Cibulka – sein ganzes Leben lang - nie vergessen hat und die auch sein Werk geprägt haben: Jägerndorf, die Stadt mit dem goldenen Horn im Wappen, wie es in einem frühen Gedichtband nach Kriegsende heißt. Die Familie seiner Eltern fand am Bodensee eine Ersatz-Heimat und er hatte inzwischen die Bibliotheksschule im östlichen Teil von Berlin 1951 erfolgreich absolviert.

Der "kalte Krieg" in Rest-Deutschland hatte die Weichen gestellt: im Westen wurden die Abschlüsse nicht anerkannt und so blieb er in der jungen DDR, die damals für viele "auf andere Art so große Hoffnung" war, auch literarisch. Ein Dichter "im Dienst" (Balluseck), dazu wollte der Westen die Autoren abstempeln, war er nie - nur "ein Dichter im Bibliotheks-Dienst". Sein „sozialistischer Realismus“ hieß: dem Leser die positiven Werte der Rest-Heimat und der Literatur nahebringen ...

Ex-Staatssekretär Professor Helmut Holtzhauer, der große Gestalter im damaligen Weimar, hatte ihm die Leitung der neu gegründeten Zentralbibliothek im Schloss angeboten. Doch Cibulka lehnte weitsichtig ab. Er übernahm dafür 1952 in Gotha die Stadtbibliothek, "im Schatten der Landesbibliothek".

Hier wohnte er, war eine literarische Doppel-Begabung, Bibliotheksleiter und „schreibender Arbeiter“ (Bibliothekar). Etliche, heute rare, Lyrik-Bände zeugen von seiner frühen poetischen Sendung, die ähnlich wie das vielschichtige Werk Hohlbaums einen z. T. stark Bezug zur Musik und ihrer Geschichte aufweist.

Im persönlichen Leben zeigten sich rasch neue Wolken: seine erste Ehefrau ging mit dem Schriftsteller Peter Jokostra (*1912) gen Westen. Die beiden Kinder - aus dieser Verbindung - wuchsen in Gotha im einst herzoglichen Anwesen (der Orangerie) auf. Für den Schriftsteller schwere und menschlich gewiss harte Jahre voller Prüfungen, die ihn ebenfalls geprägt und gereift haben - ohne die Autoren-Kollegen Walther Victor und Franz Hammer, wie er mir einmal sagte, wären sie wohl noch schwerer und entbehrungsreicher verlaufen. Man denke dabei nur an Goethes Worte ... „wer nie sein Brot mit Tränen aß...“

Ähnlich wie der Bibliothars-Kollege Dr. phil. Erhart Kästner in Wolfenbüttel, verarbeitete Hanns Cibulka seine südländischen Kriegs- und Gefangenschafts-Erlebnisse in persönlichen und später in literarischen Tagebüchern. Ein bekanntes Genre, in das der Autor nun zunehmend eintrat - damit war ihm jetzt größerer literarischer Erfolg beschieden.

Bald entdeckte er, der in Gotha lebende Bibliothekar, die thüringische Landschaft. Hier liegt wieder eine Parallelität zu Dr. Robert Hohlbaum.

Cibulka traf übrigens den sudetendeutschen Bibliothekar und Schriftsteller mehrfach nach Kriegsende in Weimar, wo dieser auch an seinem Bruckner-Buch schrieb und sich in beschämender Weise als Ziegen-Hirte und Hilfs-Gärtner verdingen mußte, um so an die erforderlichen Lebensmittelmarken zu kommen.

Das erste große Erlebnis der thüringischen Landschaft bei Cibulka fand seinen Niederschlag in dem Tagebuch "Dornburger Blätter", durch großzügige Arbeitsaufenthalte – in Schloss Dornburg - von Professor Helmut Holtzhauer gefördert.

Noch deutlich erinnere ich mich persönlich an die diversen Anrufe, die von Holtzhauers Sekretärinnen kamen, die um 1972 fieberhaft Exemplare des Buches für ihren - literarisch sehr interessierten - Chef suchten.

Die "Dornburger Blätter" sind vielleicht - bis heute - Cibulkas philosophischstes Tagebuch geblieben, schon alleine durch die Verknüpfung mit dem eigenen - positiven - Goethe-Erlebnis, fast einmalig in der damaligen Literatur, und zwar mit dem des recht unbekannten Naturforschers: Goethe. Eine seinerzeit vorgeschlagene, großformatige, Sonderausgabe mit Bildern der Landschaft wurde leider nicht realisiert.

Später entdeckte er die See-Landschaft des Nordens, vor allen Dingen Rügen und Hiddensee mit der literarischen Anbindung an Gerhart Hauptmann und andere kulturgeschichtliche Bezüge.

Früh an den Brüdern Ernst und besonders Friedrich Georg Jünger geformt, sah er den Segen und die Gefahr einer globalisierenden Technik.

Auf diesen Pfaden weitergehend wurde Hanns Cibulka zu einem ganz frühen "Grünen" in der DDR. Das Wort ist ja bekanntlich "eine scharfe Waffe" und so schmiedete auch er "Schwerter zu Pflugscharen" und erhob das Wort mahnend in den kirchlichen Zusammenkünften und war - als Gast - Teil dieser Gemeinden.

Der Staatsapparat war davon nicht sonderlich erbaut, hatte jedoch wenig Handhabe: die Tore, die verschlossen wurden, fanden vielfachen Ersatz im christlichen Bereich und somit wurde er eigentlich in der Stille „zum Dichter in der Kirche“.

Nach der "Wende", verbunden mit dem 70., 75. u. 80. Geburtstag, taten sich neue - andere - Möglichkeiten auf. Er fand bei Reclam (Leipzig) eine neue verlegerische Heimat, gewiss ein Glücksfall für den Siebzigjährigen ...

Ich schenkte ihm damals die neue Gesamtausgabe von Goethes "West-östlichen Divan" und hatte auf eine, keimende, politische Anknüpfung gehofft. Die ist jedoch leider im - vielschichtigen - Alterswerk ausgeblieben.

Im "Brückenwehr" kehrte er nochmals in seine sudetenländische Heimat zurück, in der Regel zur großen Freude seiner Landsleute.

Im "Pisa"-Buch wurde er dann zum kenntnisreichen Ankläger der amerikanischen Besatzer, die den Dichter Pound jahrelang, höchst unwürdig und gegen alle Menschenrechte, wie einen Löwen im Käfig hielten. Damit nahm er zugleich unbewußt Dinge im Irak voraus, was wieder zeigt: die Besatzer-Methoden haben sich leider bis heute nur wenig geändert ...

Ein letzter, schmaler, Band ist gerade bei "Reclam", seinem Hausverlag nach der Wende, erschienen, da kam jetzt die schmerzliche Nachricht, er sei am 20. Juni, am letzten Frühlingstag, in seiner thüringischen Wahl-Heimat Gotha, irdisch von uns gegangen. Goethe schrieb im „Tasso“:

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.“

So wird es auch bei Hanns Cibulka sein, denn sein Geist ist tief in den Herzen seiner Leserinnen u. Leser im mittel- und ost-deutschen Raum verankert und nicht nur dort. Davon zeugen letztlich auch tschechische Übersetzungen, u. eine zweisprachige Ausgabe in Italien, die schon früh literarische Brücken in diese Länder geschlagen haben.

Cibulka trat darüber hinaus als Adalbert-Stifter-Herausgeber u. Nachdichter von Hrubin's "Wieviel Sonnen stehn am Himmel" hervor.

Auch für den kranken Cibulka, der noch am Vorabend des sich öffnenden Europas die unstillbare Sehnsucht nach seiner Geburtslandschaft, der alten angestammten – sudetenländischen - Heimat, in sich trug und artikulierte, trafen die Worte eines weisen Denkers zu, die Goethe am Rande des Webicht's in Weimar einst zu Johann Peter Eckermann sprach:


"Untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne".




Vom Verfasser dieses persönlichen Nachrufs liegt übrigens ein nahezu vollständiges Verzeichnis von Hanns Cibulka‘s Büchern, einschließlich Übersetzungen, vor ...


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